Kaufen Raubkopierer mehr?


Die Frage, ob Piraterie der Medienwirtschaft schadet wird häufig über die Frage „Kaufen Raubkopierer mehr als Personen, die keine Raubkopien nutzen“ verdeutlicht.
Dazu gibt es eine Menge Forschung unterschiedlichster Güte. Eines der Grundprobleme der Forschung ist dabei die Frage was eigentlich verglichen wird oder ob alle wesentlichen externe Faktoren im Forschungsdesign berücksichtigt werden.
Viele der Studien, die feststellen, dass Raubkopierer mehr kaufen/leihen als andere scheitern schon daran, dass sie die Affinität der untersuchten Personen zum Untersuchungsgegenstand nicht berücksichtigen.
Wenn man Aussagen über Personen machen will, die Zigaretten klauen dann muss man gründlich überlegen, ob man diese Personen mit anderen Rauchern oder gar mit Nichtrauchern vergleichen will.

Beispiel, wie die Affinität das Ergebnis beeinflusst

Das Problem kann man an einem Zahlenbeispiel mit den Daten des Spielfilmkaufmarktes 2012 verdeutlichen.
Insgesamt kauften 17,5 Mio. Personen 117 Mio. Spielfilme. Im Durchschnitt jeder 6,69 Stück. Den 17,5 Mio. Käufern stehen innerhalb des GfK-Panels 46,5 Mio. Nicht-Käufer gegenüber.

Aus den obigen Zahlen zu den Nutzern können wir von 7,3 Mio. Raubkopieren ausgehen, von denen 3,6 Mio. Spielfilme nutzen. Es wird zudem (konservativ) angenommen, dass 50 % der Raubkopierer nicht mehr kaufen.

Wenn man nun aus diesen Zahlen entsprechende Gruppen bildet, kann man zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen:

  • Bei Berücksichtigung der Filmaffinität kaufen Raubkopierer mit durchschnittlich 3,33 Stück deutlich weniger ein als die Käufer, die keine Raubkopien nutzen (6,69).
  • Man kann aber auch belegen, dass die Raubkopierer mit 3,33 Stück deutlich mehr einkaufen als der Rest der Bevölkerung mit 1,74 Stück.

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Studien mit begrenztem Aussagewert

Neben diesem Problem, ob wirklich die bestimmenden Faktoren betrachtet werden, gibt es aber immer wieder auch andere methodische Mängel, nachfolgend einige Beispiele:

  • Es werden nur Kaufabsichten abgefragt(1).
  • Die Stichprobe der untersuchten Filesharer beträgt nur 39 Personen(2).
  • Um Änderungen in der Menge der gekauften Titel besser zu erfassen, filtert man diejenigen
    aus, die im Folgejahr gar nicht mehr kaufen und eventuell nur noch illegale Kopien nutzen(3).

(1 )Norwegian Managment School;
www.guardian.co.uk/music/2009/apr/21/study-finds-pirates-buy-more-music
(2) Joe Karaganis, Lennart Renkema, Copy Culture in the US and Germany, 2013; http://piracy.americanassembly.org
(3) Andersen and Frenz 2009 nach Michael D. Smith, Rahul Telang, Assessing The Academic Literature Regarding the Impact of Media Pi-racy on Sales, 2012;
http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2132153

Digital Music Consumption on the Internet: Evidence from Clickstream Data (2013)

In dieser aktuellen Studie der EU-Kommission wird u.a. untersucht, ob der illegale Download einen Einfluss auf den digitalen Musikverkauf hat. Die Studie mit über 16.000 Personen aus 5 europäischen Ländern kommt zu dem Ergebnis, dass 10 % mehr Klicks auf illegalen Seiten zu 0,2 % erhöhten Klickzahlen auf legalen Musikdownloadplattformen führen. Der Einfluss auf CD-Verkäufe wurde nicht untersucht.
Die Studie hat zwar das Problem der Musik-Affinität durch Variabelngruppen gelöst, basiert aber u.a. auf der überaus problematischen Annahme, dass es egal ist, das Klicks auf illegalen Seiten auch andere Medienarten betreffen können und somit u.U. gar nichts mit Musik zu tun haben können.
Die zeitliche Reihenfolge inhaltlich zusammenhängender Klicks konnte nicht untersucht werden. So bleibt unklar, ob Personen erst auf illegalen Seiten waren und sich dann das Produkt auf einer legalen Seiten angesehen (gekauft) haben oder ob man sich einfach nur auf einer legalen Seiten den Inhalt angesehen hat und dann, wenn es einem gefallen hat, diesen auf einer illegalen Seite herunterlädt. Die Autoren teilen diese Bedenken aber nicht: „In particular, we do not expect individuals to go window-shopping on legal purchaseing websites in order to illegally download after their visit.” Hauptargument dafür: Die Informationen gibt es auch auf anderen Seiten, wieso sollte der Kunde dazu eine legale Verkaufsplattform nutzen.
Zudem könnten auch Synchronisationen mit itunes nach dem illegalen Download als legaler Klick gemessen worden sein.

Luis Aguiar, Bertin Martens, Digital Music Consumption on the Internet: Evidence from Clickstream Data 2013;
http://ipts.jrc.ec.europa.eu/publications/pub.cfm?id=6084

Metastudien

Piracy and Copyright Enforcement Mechanisms (2013)

In dieser Metastudie haben die Autoren Danaher, Smith und Telang empirische Untersuchungen zum Effekt der Piraterie auf die Musik- und Filmmärkte untersucht. Die Ergebnisse sind relativ eindeutig:

  • Die meisten der von externen Gutachtern überprüften Studien (peer-reviewed) zeigen sehr deutlich, dass Piraterie dem Verkauf von Medien-Neuheiten schadet. 16 Studien bestätigen die Schäden und nur 2 sehen keine Schädigung.
  • Wenn man daraus nur die Veröffentlichungen in Akademischen Zeitschriften erster und zweiter Güte berücksichtigt, ändert sich das Verhältnis auf zwölf zu eins.

Bezüglich der dann einzig verbleibenden Studie (Oberholzer-Gee, Stumpf, 2007) wird erläutert, wieso diese zu anderen Ergebnissen kommen kann. Hier hat man als externe Variable die Schulferien in Deutschland genommen, die den P2P-Bereich beeinflussen sollen aber nicht die US-Verkäufe. Allerdings scheint dieser Faktor deutlich überschätzt worden zu sein, da die Daten ergeben, dass ein Ausschalten des deutschen Internets zu einem Ende jeglicher Filesharing-Aktivität in den USA führen würde. Zudem sind die Wirkungsmechanismen zu eng eingegrenzt, da der illegale Konsum in einer Woche einen direkten Einfluss auf den legalen Konsum haben soll. Mittelfristige Effekte fehlen.

Brett Danaher, Michael D. Smith, Rahul Telang; Piracy and Copyright Enforcement Mechanisms – Prepared for Inclusion in Innovation Policy and the Economy, Volume 11;
www.nber.org/chapters/c12945.pdf
Vgl. auch: Michael D. Smith, Rahul Telang, Assessing The Academic Literature Regarding the Impact of Media Piracy on Sales, 2012;
http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2132153

Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien (2012)

Diese bereits oben erwähnte Studie setzt sich auch mit Studien auseinander, die angeblich positive Effekte berechnen. Die Verfasser kommen zu dem Ergebnis:
„Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass sich ein größerer legaler Filmkonsum von Filesharing-Nutzern nicht auf deren illegale Aktivitäten zurückführen lässt, sondern auf deren erhöhter Affinität zum Medium Film, etwa aufgrund ihres Alters. In der Bilanz der Debatte ist von einem überwiegend negativen Einfluss der digitalen Piraterie auf Filmumsätze auszugehen.“ (Seite 28, vgl. auch Seite 15 f.)
www.medienboard.de/WebObjects/Medienboard.woa/wa/CMSshow/2841628; S. 28 und 15f

 

Differenzierte Aussagen

Neben diesen generellen Aussagen gibt es auch Studien, die das Kaufverhalten der Raubkopierer detaillierter untersuchen und entsprechende Gruppen bilden.
So hat die DCN-Studie 2011 im Bereich Musik untersucht, ob Musikpiraten auch gute Kunden sind. Das Ergebnis ist deutlich:

  • 73 % der Musikdownloader, die ausschließlich illegale Quellen benutzen, geben gar kein Geld für Musik aus.
  • Die übrigen 27 % dieser Gruppe geben zumindest für physische Produkte (CDs) im Schnitt noch 18 € im Jahr aus.

Zum Vergleich: Der durchschnittliche legale Musikdownloader gibt 52 € / Jahr aus.
www.gvu.de/media/pdf/780.pdf

Aus Internetreport III / 2013 – Mai 2013:
Marktforschung zur Internetpiraterie