HerrNewstime, Strikes und die EU Urheberrechts-Richtlinie – ein Eigentor?

Einer der fleißigsten Ersteller von Videos gegen die EU Richtlinie zum Urheberrecht war der YouTuber HerrNewstime.
Thomas Hackner, wie der Betreiber des YouTube-Kanals mit bürgerlichen Namen heißt, beschäftigte sich in seinen Videos bis zum Herbst 2018 eher mit Klatsch und Tratsch rund um die YouTuber Szene und weniger mit politischen Themen.
Im Sommer 2018, in erstaunlicher zeitlicher Nähe zur Ansprache von YouTubern durch die Kampagnenseite Create.Refresh (wir berichteten), erschien ein erstes Video zur geplanten Reform. So richtig Fahrt aufgenommen hat HerrNewstime dann Anfang November 2018, kurz nach der Ansprache der YouTube Chefin Susann Wojcicki. Es wurden mehr und mehr kritische Videos zur geplanten Richtlinienreform durch ihn veröffentlicht. Am Ende waren es fast  50  Videos von Thomas Hackner zu dem Thema.

Etwas kurios ist das Impressum seines YouTube-Kanals. Offenbar hat Thomas Hackner seinen Sitz in den USA in Portland, Oregon.

Abbildung: Impressum vom YouTube Kanal HerrNewstime.

Ob das wirklich der Sitz ist, ist eher fraglich, denn Thomas Hackner war während der heißen Phase der Debatte oft auf Demonstrationen oder im TV zu sehen, ob er dafür jedes Mal ins Flugzeug stieg? Möglicherweise ist diese Anschrift aber auch einfach nur geeignet, um sich der Regulierung wie z. B. durch die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen zu entziehen, denn es gibt deutliche Hinweise auf einen Sitz in oder um Köln.

Am 28.04.2019 veröffentlichte HerrNewstime dann ein Video, in dem er beklagt, dass er zensiert wird. Er hatte für ein Video (Titel „Sack Reis in China umgefallen“) einen sogenannten Copyright-Strike erhalten. Offenbar hatte jemand bei YouTube eine Beschwerde gegen das Video eingereicht, weil es angeblich dessen Urheberrechte verletzte.

Abbildung: YouTube Video von HerrNewstime „Ich werde zensiert“.

Kurz vor „Ich werde zensiert“ hatte Thomas Hackner bereits ein Video veröffentlicht, in dem er den Namen und Mailanschrift des Beschwerenden veröffentlichte. Ob dieses mit dem Datenschutz vereinbar ist darf bezweifelt werden. Diese Zweifel könnten ihm auch gekommen sein, denn er entfernte das Video später. Es ist aber noch bei einem ganz anderen Twitter Account zu finden, allerdings mit abgedeckter Anschrift und überlagerten Ton, damit der Antragsteller nicht bekannt wird.

Abbildung: Ursprüngliches Video von HerrNewstime beim Twitter Account von SYSOP.

Bemerkenswert sind die Kommentare unter dem neuen Video.
Einige Follower vermuteten, dass Axel Voss persönlich für die Sperrung verantwortlich sei und viele der Kommentatoren unterstellen Uploadfilter als Grund für den Copyright-Strike.
Beides dürfte falsch sein, es ist schwer vorstellbar, dass sich Axel Voss ernsthaft mit dem Kanal von HerrNewstime beschäftigt. In dem ersten Video mit Namen und Mailanschrift wird auch nicht Axel Voss als Beschwerdeführer benannt, sondern eine andere Person.
Die Beschwerde wurde also von einem Menschen vorgenommen und nicht von einem wie auch immer gearteten Filter. Das Video wurde letztlich ja auch veröffentlicht bevor es zum Strike kam. Vermutungen zu Uploadfiltern gehen hier also völlig fehl.

Ansonsten reicht das Feindbild Axel Voss aber aus, dass auch andere YouTuber mit den absurdesten Vermutungen an die Öffentlichkeit gehen.
YouTuber LeFloid war sich jedenfalls nicht zu schade, Axel Voss hinter der Beschwerde gegen einen seiner Tweets zu vermuten. Zuvor hatte er dem Politiker per Twitter in kindischer Art und Weise, allerdings zielgruppengenrecht, indirekt Prügel angedroht. Dass solche Beschwerden von praktisch jedem Twitter-Nutzer gemacht werden können, interessierte ihn dabei offenbar nicht. Für ihn kann es nur Voss gewesen sein, den er einen echten Dulli nennt und Humorbefreitheit vorwirft.

Abbildung: Tweet von Lefloid über eine Beschwerde gegen einen seiner Tweets.

Thomas Hackner war wohl auch deshalb konsterniert über die Beschwerde, weil er sie sich nicht nur nicht erklären konnte, sie hat auch Auswirkungen auf seinen Kanal.
Ab einem dritten Strike behält sich YouTube nämlich vor, einen Kanal zu sperren.
Der Kanalbetreiber wäre dann von Zahlungen durch YouTube abgeschnitten und hat somit weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen zu tragen.

Das zweite Video von Thomas Hackner ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen offenbart es, wie schlecht es um sein Wissen über Zensur bestellt ist, denn hier geht es nicht um staatliche Zensur sondern um einen zivilrechtlichen Disput, den eine dritte Partei (YouTube) nach eigenen Regeln löst.
Was aber schon fast ein Treppenwitz ist, das ist zum anderen das Sinnieren von Thomas Hackner und seiner Community über sein Vorgehen gegen diesen Strike. Nicht wenige Follower raten ihm, dass er sich auf die Hilfe des Kölner Medienanwalts Christian Solmecke, der in seinen Videos bzw. Vorschaubildern auch schon mal den Mittelfinger in die Kamera hält, verlassen soll. Beide Protagonisten wurden durch die Debatte und das Abfeuern von vielen Videos quasi nach oben gespült, was Bekanntheit angeht.

Wäre die EU-Richtlinie allerdings schon in Form von nationalem Recht in Kraft, dann hätte Thomas Hackner jetzt bereits den Anspruch auf eine Mediation durch einen Menschen bei YouTube.
Dieser müsste sich dann mit dem Fall beschäftigen. Das teure Einschalten eines Anwalts wäre somit obsolet.

Ob Thomas Hackner sich darüber bewusst ist, dass die Richtlinie, die er über Monate so erbittert bekämpft hat, ihm genau diese Möglichkeit bietet? Sie wäre also eine deutliche Verbesserung zur aktuellen Situation. Mehr Ironie geht eigentlich gar nicht.

Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters File Defense Service (FDS), welcher für zahlreiche Rechteinhaber tätig ist. Das Unternehmen erstellt zudem Studien zum Thema Piraterie und unterstützt Strafverfolgungsbehörden mittels seiner erhobenen Daten. Seine Artikel erscheinen gelegentlich bei der FAZ, Tarnkappe.info, Webschauder und sporadisch auf den US-amerikanischen Blogs The Trichordist und Musictecploicy. Dabei geht es stets um die verschiedenen Aspekte der unregulierten Inhalte-Distribution.