GB führt Jugendschutzfilter im Internet ein

Seit Ende 2013 werden in Großbritannien Internetzugänge insoweit umgestellt, dass vermehrt Jugendschutzfilter eingesetzt werden, diese sollen insbesondere pornographische Inhalte ausfiltern.

Hintergrund dieser Umstellung sind Forschungsberichte, Aktivitäten einzelner Internet Service Provider und staatliche Aktivitäten. So haben britische Internetprovider in 2011 auf einen Bericht über die Sexualisierung von Jugendlichen reagiert, in dem kritisiert wurde, dass die Jugendschutzfilter der Anbieter standardmäßig abgeschaltet seien, also ein Eingreifen der Eltern erfordern würden.
Eine unabhängige parlamentarische Untersuchung zum Online-Jugendschutz (siehe Anhang ) legte im April 2012 die Richtung dieser Entwicklung vor. Insbesondere wurde darin kritisiert, dass der Endverbraucher auf jedem Gerät einzeln einen Filter installieren müsse und damit überfordert sei. Stattdessen wurden Filter für den gesamten Internetanschluss des Kunden gefordert, die auch standardmäßig in Kraft sind.
Mit einer breiten Umsetzung dauerte es aber bis Ende 2013. Nur der Provider TalkTalk hat schon seit März 2012 für Neukunden die Möglichkeit, Jugendschutzfilter als Standard zu aktivieren und ermöglicht dies seit Mitte 2012 auch Kunden mit laufenden Verträgen.

Nach weiteren Berichten und entsprechenden Bemühungen von Premierminister David Cameron erfolgte die Umsetzung ab Ende 2013 nun auch bei weiteren Providern, die erst einmal die Neuanschlüsse regeln und dann in 2014 stückweise auch die Altanschlüsse.
Die Umsetzung erfolgt freiwillig von den Providern, allerdings steht im Falle eines Versagens notfalls eine gesetzliche Regelung als Drohung im Raum.

Wesentliches Merkmal dieser Filter ist, dass sie von vorne herein erst einmal eingeschaltet sind. Es bedarf also keiner weiteren Maßnahmen durch die Eltern, um den Jugendschutz zu Hause zu gewährleisten. Die vier Provider, die sich zu dem Opt-Out-Verfahren entschlossen haben sind BT, Sky, TalkTalk und Virgin.

Eine generelle Ablehnung der Filter scheint es nicht zu geben und auch die Auseinandersetzung in der Presse und in Foren scheint gemäßigt zu sein. Dies mag sich aber auch dadurch erklären, dass solche Filter im Bereich des Mobilfunks schon eingesetzt wurden. Der Bericht der Untersuchungskommission kam zu dem Schluss: „Wir fänden es abartig, dass Unternehmen, die für ihre Kunden, die das Internet über Mobilgeräte nutzen, Erwachseneinhalte sperren, gegen die Einführung eines gleichartigen Systems für die Festnetz-Kunden argumentieren würden.“

In der technischen Umsetzung sind die Provider frei. Dies erklärt auch, wieso es bezüglich der Technik divergierende Aussagen in Artikeln über diese Filter gibt:

  • Zentral beim Provider eingestellt
  • Von zu Hause aus zu verwalten
  • BT hat drei Filterstufen: Pornographie, illegale Drogen oder Verherrlichung von Selbstzerstörung gehören auf jeden Fall dazu und können ausgeweitet werden bis zu Nacktheit, Gaming oder social networking. Das System von BT soll über den jeweiligen Router laufen.

Andere Berichte erwähnen, dass angeblich die Haushalte angerufen werden, was sie gefiltert haben wollen und dass der Anschlussinhaber seinen Provider auch auffordern kann, die Filter zeitweise auszuschalten.

Erst mit der breiteren Einführung wurde auch über Fehler der Filter berichtet. Diese scheinen für einzelne Provider unterschiedlich zu sein. So wurden auch Seiten gefiltert, wie: Sexualkundeseiten, ein Spieleupdate, Telefonseelsorgeseiten oder die Nachrichtenseite Torrentfreak. Sky hat eine Meldestelle eingerichtet, wo Fehler gemeldet werden können. Solche Fehler sollen zukünftig durch eine Whitelist, die sogenannte „Master List“, reduziert werden. Diese wird von einer Arbeitsgruppe erstellt und soll allen Providern zur Verfügung gestellt werden. Hier sollen Seiten eingetragen werden, die zwar verdächtige Wörter nutzen, aber nicht jugendgefährdend sind.

In einem Bericht des BBC wird auch über die Erfolgsquote der Filterung berichtet, diese liegt bei TalkTalk bei 68 % und bei Sky bei 99 %.

Umgehungsmöglichkeiten dieser Filter sind natürlich nur bedingt notwendig, da der Kunde diese Filter ausschalten lassen oder u.U. auch von zu Hause abschalten kann. Allerdings wurde über Plug-in bei Google Chrome berichtet, welches den Namen „Go Away Cameron“ trägt und einen Proxy Service zur Umgehung des Filters einsetzt.

Unabhängige parlamentarische Untersuchung zum Online-Jugendschutz

Ergebnisse und Empfehlungen
April 2012

Zusammenfassung der Ergebnisse

1. Sehen Kinder (und Jugendliche) im Internet Pornographie und ist dies von Bedeutung?
Die Untersuchungskommission kam zu der Schlussfolgerung, dass viele Kinder leichten Zugang zu Online-Pornographie haben und das diese Eindrücke einen negativen Effekt auf die Einstellung der Kinder zu Sex, Beziehungen und Körperwahrnehmung haben.
Dies ist von großer Bedeutung für Eltern und Fachkräfte die sich darüber sorgen, dass ältere Kinder absichtlich auf einfache und Gewalt-Pornographie zugreifen und dass jüngere Kinder unangemessene Online-Inhalte zufällig finden.
Viele Eltern berichten, dass sie das Gefühl haben mit der technologischen Entwicklung nicht mithalten zu können und sie zu wenig Wissen und Fähigkeiten haben, ihre Kinder in Sachen Internetsicherheit zu erziehen. Die Eltern sind auch wegen vielen anderen verstörenden Internetinhalten besorgt, wie Cyberbulling, extreme Gewalt, Selbstschädigung, Selbstmord und Pro-Anorexia-Seiten.

2. Was machen britische Internet Service Provider um Kinder im Internet zu schützen?
Internet Service Provider (ISPs) agieren als Schlüsselstelle zwischen Konsumenten und Internet und generieren einen wesentlichen Umsatz aus dieser Dienstleistung. Sie sollten die Verantwortung mittragen, minderjährige Nutzer vor unangemessenen Inhalten zu schützen.
Derzeitig bieten ISPs ihren Kunden Filter für einzelne Geräte und Informationen über Internetsicherheit an. Die Nutzung der existierenden Inhaltsfilter, welche weitestgehend vom Kunden auf jedem In-ternetgerät installiert, aktualisiert und Instand gehalten werden müssen, sank um 10 % in den letzten 3 Jahren. Wir sind nun an dem Punkt, dass beinahe 6 von 10 Kindern zu Hause einen filterfreien Internetzugang haben.
Die vier größten britischen ISPs haben vor Kurzem in einem neuen Verhaltenskodex beschlossen, eine neue „Active Choice“ Kontrolle einzuführen, bei der der Kunde aktiv entscheiden muss, ob er den Gerätefilter im Rahmen der Anmeldung installiert (oder wie bei TalkTalk, ob er den Netzwerkfilter aktiviert). Dies soll jedem Neukunden ab Oktober 2012 angeboten werden. Obwohl dies ein Schritt in die richtige Richtung ist, haben die IPSs angesichts von 9 von 10 Kindern, die bereits in Haushalten mit Internetzugang leben, keine genauen Pläne, wann das Produkt allen Kunden angeboten werden soll. Mit Ausnahme von TalkTalk wird das Produkt nicht alle Geräte im Haushalt schützen. „Active Choice“ wird somit wenig dazu beitragen, das Problem unzureichender Filterung zu beheben, es sei denn, die Umsetzungspläne werden energischer verfolgt.

3. Welche zusätzlichen Werkzeuge benötigen Eltern für den Online-Jugendschutz?
Obwohl Eltern für die Internetsicherheit ihrer Kinder verantwortlich sein sollten, ist dies in der Praxis nicht so. Eltern finden es schwierig, Gerätefilter zu installieren und Instand zu halten. Es fehlt an Wissen über Internetsicherheit und aktuellen Informationen.
Es gibt viele Möglichkeiten, das Wissen der Eltern zu verbessern, aber das momentane System ist fragmentiert und uneffektiv. ISPs, Suchmaschinen, Soziale Netzwerke und bekannte Internetseiten müssen mehr unternehmen, um die Verbreitung von Internetsicherheitsinfos und Initiativen wie ParenPort zu unterstützen. ParentPort ist ein one-stop-shop für Eltern, um unangemessene Inhalte jeder Art zu melden und um Rat und Informationen zu fragen.
Es gibt entlang der Wertschöpfungskette vom Gerätehersteller zum ISP vielfältige Möglichkeiten, um Konsumenten zu erziehen und auf mögliche Sicherheitseinstellungen hinzuweisen, aber diese werden von Regierung und Industrie in gleicher Weise ignoriert.

4. Welches sind die Vor- und Nachteile eines Netzwerkfilters?
Netzwerkfilter für den einzelnen Internetanschluss, wie das HomeSafe-Produkt von TalkTalk, schützen alle Geräte an dem jeweiligen Internetanschluss und verbessern die Inhaltefilterung erheblich.
Die Untersuchung ergab eine starke Unterstützung für einen Opt-In-Filter für Erwachsenenmaterialien im Internet, der den besten Jugendschutz im Netz bieten würde. Dies stände in Analogie zu den Angeboten fast aller großen britischen Handynetzanbieter (von denen einige auch Internetbreitband für das Festnetz anbieten) bei denen der mobile Internetzugang standardmäßig Erwachseneninhalte sperrt und der nur bei dem Nachweis, dass der Nutzer über 18 Jahre alt ist, aufgehoben werden kann. Ein Opt-In-System, welches in der Standardeinstellung Erwachseneninhalte sperrt, ist auch in vielen kommerziellen Anwendungen und in Schulen üblich. Die Technologie dieser Filter ist weit fortgeschritten.
Verschiedene wichtige Entwicklungs- und Umsetzungsaspekte müssen angegangen werden, darunter ein praktikables Altersverifikationssystem und die Entwicklung eines Zugangsberechtigungssystems, damit die Haushalte verschiedene Filterstufen für einzelne Familienmitglieder verwalten können.
Es gibt momentan keine Hinweise, dass ein Opt-In-Modell erhebliche Kosten verursachen würde oder die Internetgeschwindigkeit verringern würde und die Haupteinwände gegen den Vorschlag scheinen ideologischer Art zu sein. Wir fänden es abartig, dass Unternehmen, die für ihre Kunden, die das Internet über Mobilgeräte nutzen, Erwachseneinhalte sperren, gegen die Einführung eines gleichartigen Systems für die Festnetz-Kunden argumentieren würden.
Kein Filter wird jemals völligen Schutz gewähren und Eltern müssen weiterhin engagiert und aktiv sein, um ihren Familien zu helfen im Netz sicher zu bleiben.

5. Soll die Regierung Regelungen schaffen um weiteren Jugendschutz anzubieten?
Die Kommission glaubt, dass eine Zusammenarbeit der ISPs ein effektiveres Opt-In-System im Rahmen einer Selbstregulierung ermöglicht und dass staatliche Regulierung des Internets nur maßvoll ge-schehen sollte. Jedoch glauben wir, in Anbetracht der Stärke des ideologischen Widerstandes gegen diese Änderung, dass die Regierung sich zur Sicherheit um gesetzliche Maßnahmen bemühen sollte, um einzugreifen, wenn die Industrie keine angemessenen Fortschritte erreichen sollte.
Letztendlich ist der regulatorische Rahmen für über das Internet verbreitete Inhalte verwirrend und überschneidend, zudem besteht ein Mangel an gemeinsamer Verantwortung für Internetinhalte zwi-schen den Aufsichts- und Regulierungsbehörden, wie Advertising Standards Authority (ASA), Ofcom, Association for Television on Demand (ATVOD), Press Complaints Commission (PCC) und British Board of Film Classification (BBFC). Im Rahmen der technologischen Konvergenz und dem geänder-ten Nutzungsverhalten bewegen wir uns auf eine Situation mit unzureichender Regulierung zu.

Empfehlungen

1. Die Regierung sollte dringend die Einführungspläne für “Active Choice” überprüfen und auf einen beschleunigten Zeitplan, mehr Klarheit für die Einführung bei allen Kunden und auf Finanzierungszu-sagen der ISPs drängen.

2. ISPs sollten die Erziehung zur Internetsicherheit und Initiativen wie ParentPort stärker unterstützen und besser auf ihren eigenen Web-Seiten auf diese Angebote hinweisen.

3. Die Verantwortlichen von Regierung und Industrie sollten Richtlinien zur verbesserten Kommunika-tion bestehender Internetsicherheitseinstellungen entwerfen, das Training der Händler verbessern, familienfreundliche Verbrauchersiegel für Hersteller und Verkäufer entwickeln und besser auf vorinstallierte Sicherheitseinstellungen während des Konfigurationsprozesses von Endgeräten hinweisen.

4. ISPs sollten in die Pflicht genommen werden binnen 12 Monaten einen Netzwerkfilter für einheimi-sche Breitbandkunden einzuführen, der mit einem Klick alle mit dem heimischen Anschluss verbundenen Geräte filtert.

5. Die Regierung sollte einen formalen Konsultationsprozess zur Einführung des Opt-In-Filter-System für alle Internetanschlüsse in Groß-Britannien in Gang setzen. Der effektivste Weg die Entwicklungs-kosten zu reduzieren und eine möglichst flexible Lösung zu finden, wäre die gemeinsame Entwicklung einer selbstregulierten Lösung der ISPs.
6. Öffentliche WLAN-Angebote sollten ebenso gefiltert werden, anderenfalls würden häuslichen Kon-trollen einfach umgangen.

7. Die Regierung sollte sich zur Sicherheit um gesetzliche Möglichkeiten kümmern, um einzugreifen, wenn die ISPs bei der Einführung einer angemessenen Lösung versagen sollten.

8. Letztendlich sollte die Regierung die Vorzüge einer neuen Regulierungsstruktur für Online-Inhalte bedenken, mit einer Regulierungsbehörde für die Führung der Aufsicht und Überwachung der Inter-netinhalte und mit der verbesserten Verbreitung von Materialien zur Internetsicherheitserziehung und der Mittel wie ParentPort.

www.claireperry.org.uk/downloads/independent-parliamentary-inquiry-into-online-child-protection.pdf

Übersetzung Jörg Weinrich

Internetreport I / 2014 – April 2014