Wer zwitschert zum EU-Urheberrecht?

Die Debatte um die Reform des EU-Urheberrecht hat viele Facetten und ein beträchtlicher Teil der Diskussion findet auf Twitter statt.
Längst sind Twitter-Hashtags Teil der Kampagnen gegen die Reform und zu einer Währung im Kampf um die Meinungshoheit geworden.

Funktion von Hashtags
Hashtags dienen zum einen dazu, in Diskussionen besonders schnell und effektiv nach Schlüsselwörtern zu suchen. Zum anderen kann über sie sehr einfach festgestellt werden, welche Themen auf Twitter besondere Aufmerksamkeit bekommen, indem man analysiert, welche Begriffe häufig mit einem Hashtag versehen und wie häufig und dynamisch diese geteilt werden. Diese Begriffe werden dann als so genannte „Trending-Topics“ auf der Twitter-Startseite angezeigt. Das so genannte „Retweeten“, also die unveränderte Weiterleitung eines Tweets nebst Hashtags an die eigenen Follower ist dabei ein wichtiger Faktor.
Die Nutzungshäufigkeit und Verbreitung von Hashtags wird daher häufig als Indikator für die öffentliche Relevanz bestimmter Themen angesehen. Taucht in den Trending-Topics z.B. regelmäßig der Hashtag #saveyourinternet auf, entsteht der Eindruck, dass immer mehr Menschen die Copyright-Reform ablehnen.

Bedeutung von Influencern
Nachdem die finale Entscheidung über die Reform nun kurz bevorsteht, liegt es nahe, sich mittels aggregierter Daten die Twitter-Kampagne gegen die EU-Urheberrechtsreform etwas genauer anzusehen und zu untersuchen. Die Basis der Daten sind zum einen Daten des Dienstes Talkwalker, die wir mit alternativen Diensten wie Keyhole abgeglichen haben. Hier wurden nur die globalen Daten ohne Geolokalisation, also weltweite Anzahl von Nutzung bestimmter Hashtags in einem bestimmten Zeitraum untersucht.
Mittels Daten des Dienstes Hashtagify wurden die größten Influencer gemessen sowie deren Reichweite untersucht.
So wird gut erkennbar, wer einem Hashtag den meisten Schwung gegeben hat.

Entscheidend für die Verbreitung eines Hashtags sind sogenannten „Mentions“, also die Erwähnung bzw. Nennung eines Hashtags in einem Tweet. Je mehr Mentions ein Hashtag erfährt, desto stärker wird er für ein Thema als relevant wahrgenommen.

Im Mittelpunkt der folgenden Analyse stehen die Mentions der Hashtags, die bei der Kampagne gegen die EU-Richtlinie aus deutscher Sicht eine Rolle spielen, weil es die Framings der Anti-Reform Bewegung sind:
#saveyourinternet
#artikel13
#uploadfilter
#linktax
#censorshipmachines

Häufigkeit der Mentions im zeitlichen Verlauf
Am auffälligsten ist die Bedeutung Googles für die Verbreitung des Hauptslogans #saveyourinternet. Sie kann anhand der zeitlichen Entwicklung der Mentions leicht nachvollzogen werden.
Kurz nachdem sich Google / YouTube im Oktober 2018 offensiv mit einer Ansprache der YouTube-Chefin Wojcicki an die Youtuber in die Debatte einschalteten, verdoppelte sich die Anzahl der Mentions von #saveyourinternet.

Abbildung: weltweit kumulierte Darstellung der Entwicklung des Hashtags #saveyourinternet. Quelle: Talkwalker

Auch die Darstellung ohne Kumulation der letzten 12 Monate dokumentieren sehr gut, welchen Einfluss Google auf die Debatte hat.
Waren die Zeitpunkte der Abstimmungen im Parlament jeweils kurze Peaks, was auch der Deadline bzw. dem jeweiligen Abstimmungstag geschuldet war, wurde mit dem Eingreifen Googles in die #saveyourinternet-Kampagne eine deutliche Verlängerung der Bewegung erreicht.

Abbildung: Gesamtentwicklung des Hashtags #saveyourinternet 01.2018- 02.2019 auf Wochenbasis, Quelle: Talkwalker

Man sieht in dieser Wochenentwicklung sehr gut die Auswirkung, die Google durch seine eigenen Twitter-Kanäle, YouTube und YouTube Creators hatte.

Die Kampagne mit dem Hashtag #saveyourinternet wurde ab Ende Oktober maßgeblich durch Google bzw. Youtube bestimmt und war insbesondere im November/Dezember deutlich breiter als im noch im Sommer 2018. Dort gab es allerdings auch durch die beiden Abstimmungstermine erklärbare Spitzen.

Dies wird bestätigt durch die Reichweite, die der Dienst Hashtagify gemessen hat. Sie wird dort als Influence bezeichnet, die wir in den folgenden Charts und im Text als Reichweite bezeichnen.
In dieser Betrachtung wurden jeweils die Top 10 der Influencer für verschiedene Hashtags untersucht, das bedeutet aber auch, dass es selbstverständlich weit mehr beteiligte Influencer gegeben hat.


#saveyourinternet

Die Top 10 Influencer beim Hashtag #saveyourinternet haben hatten demnach eine Reichweite von 1,5 Mrd.
Allein Youtube und YoutubeCreators machen 1,3 Mrd. der Reichweite aus. Das entspricht 85% der Top 10 Influencer.
7 weitere  der Top 10 Influencer sind Youtuber. Grundsätzlich ist zu beachten, dass Twitteraccounts von YouTube-Creators gelegentlich etwas anders heißen als die YouTube-Kanäle. Es gibt zudem YouTube-Creators, die mehrere Twitter Accounts haben.

 

#Artikel13
Die zweitgrößte Reichweite hatte bei dieser Untersuchung der Hashtag #Artikel13.
Diese betrug allerdings mit 136 Millionen Reichweite nur 9% der Reichweite von #saveyourinternet.
6 der Top 10 Influencer sind Youtuber. Andere Medien spielen hier ebenfalls eine Rolle wie die Anteile der heuteshow, Extra3 und der SZ verdeutlichen.

 

#Uploadfilter
Mit einer Reichweite laut von 111 Millionen (laut Hashtagify) für die Top 10 Influencer kommt der Hashtag #Uploadfilter auf Platz 3 bei dieser Betrachtung. 5 der Top 10 sind hier YouTuber. Die Heuteshow, ZDFheute und die SZ sind ebenfalls unter den Top 10 vertreten.

 

#linktax
Auf eine Reichweite von 24 Millionen kommt der Hashtag #linktax, dieser scheint also weniger verfangen zu haben.
Hier ein etwas anderes Bild. Bei näherer Betrachtung zeigt sich: Die US-Organisationen Creative Commons und EFF (Electronic Frontier Foundation) gelang es offenbar diesen Hashtag am besten in der Debatte um die EU-Gesetzgebung zu streuen.

#censorshipmachines
Die geringste Reichweite mit 8,5 Millionen auf die Top 10 bezogen erreichte der Hashtag #censorshipmachines. Dennoch bemerkenswert dabei ist, dass einzelnde US-Organisation (Creative Commons) mit fast 70% Anteil innerhalb der Top 10 die Debatte bei einem Europäischen Gesetzgebungsverfahren mit einem Anti-Reform-Hashtag dominiert.

 

Fazit:
Es gibt zwei klare Lektionen aus der Entwicklung.

  1. Angst verkauft sich gut
  2. YouTube und Google können ihre Plattformen effektiv nutzen, um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer zu erregen und die Wahrnehmung von Angelegenheiten, die für ihren Betrieb relevant sind, direkt zu beeinflussen.

Diese Fähigkeit kann genutzt werden, um Debatten zu verzerren und ein Erscheinungsbild von Bewegungen zu erzeugen, oder sie kann tatsächlich Bewegungen erzeugen, die auf der Präsentation einseitiger Informationen basieren, die das verzerren, was eigentlich eine viel nuanciertere Wahrheit ist.
YouTube schuf absichtlich Panik über seine Zukunft, die ziemlich vorhersehbar zu einem Ausbruch von Besorgnis führte, der sich in den hier vorgestellten Daten widerspiegelte.
Eine zynische Kampagne, die selbst die Gefahren für die Gesellschaft veranschaulicht, die von Monopol-Plattformen ausgehen.

Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters File Defense Service (FDS), welcher für zahlreiche Rechteinhaber tätig ist. Das Unternehmen erstellt zudem Studien zum Thema Piraterie und unterstützt Strafverfolgungsbehörden mittels seiner erhobenen Daten. Seine Artikel erscheinen gelegentlich bei der FAZ, Tarnkappe.info, Webschauder und sporadisch auf den US-amerikanischen Blogs The Trichordist und Musictecploicy. Dabei geht es stets um die verschiedenen Aspekte der unregulierten Inhalte-Distribution.