Vorhang auf zur nächsten Runde

Ende Juli war in diesem Blog die Anatomie eines Politik-Hacks des EU Parlaments das Thema, anschließend wurde noch die
Organisation des Hacks und die verwendeten Tools erklärt.
Eine Zusammenfassung der beiden Artikel erschien in der
FAZ am 19.08.2018.

Dieser Artikel beleuchtet nun die aktuelle Entwicklung in dieser Sache sowie neue Erkenntnisse.

Recap: Die zentralen Akteure
Eine zentrale Rolle in allen Lobby-Aktivitäten rund um die Abstimmungen zum EU-Urheberrecht spielt die Consultingfirma N-Square mit Sitz in Brüssel.
Dieses Unternehmen betreibt für seine Klienten, u.a. Google, Lobbyarbeit auf europäischem Parkett. Es organisiert aber auch die Lobbyinitiative  „Copyright for Creativity“ (C4C), welche u.a. vom US Branchenverband „Computer and Communications Industry Association“ (CCIA) finanziert wird. Hinter diesem stehen Branchenriesen wie Google, Facebook oder Uber.

C4C bündelt und vertritt die Interessen diverser Verbände von Industrieverbänden bis zu Verbraucherschutzverbänden und erweckt allein schon durch den wohlklingenden Namen den Anschein einer gesellschaftlich umfassenden Graswurzelbewegung zur Rettung von Urheberrechten und Kreativität. Dabei geht es ihr um alles andere als das. Denn anders als der Name es vermuten lässt, sind keine Kreative oder Kreativ-Verbände Mitglieder dieser Initiative. Wenn man die Agenda von C4C ansieht, verwundert das kaum. So wird z.B. gleich auf der Startseite des Webauftritts der Value Gap als Mythos bezeichnet. In der Erklärung ihrer zentralen Ziele taucht das Wort Urheberrecht nicht ein einziges Mal auf.
C4C führt damit die Tradition vermeintlicher Graswurzelbewegungen weiter, sich mit einem nett klingenden Namen zu schmücken, der aber das eigentliche Ziel der Bewegung ins Gegenteil verkehrt.
Man erinnere sich an den Late Night Talker John Oliver aus den USA und seinen Beitrag zum Thema Astroturf. Wer ahnt schon, dass die National Wetlands Coalition in den USA von Ölfirmen und Maklern finanziert wird? So ähnlich verhält es sich auch bei C4C.

AFP berichtet über politisches Spamming als Geschäftsmodell
C4C und N-Square waren Ausgangspunkt und organisatorischer Mittelpunkt der Aktion saveyourinternet.eu., bei der u.a. zahlreiche Abgeordnete des EU-Parlaments mit automatisierten Massenmails überschüttet wurden.
Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP rechtfertigt die Geschäftsführerin von N-Square, Caroline DeCock, ihre C4C Spam-Initiativen:
„Um ehrlich zu sein, das ist der einzige Weg, um die Abgeordneten zu erreichen. Wie würden Sie es denn machen, Post-Its senden?“.

Was sie dabei dezent verschweigt ist die Tatsache, dass niemand sagen kann, ob die Absender Menschen oder Maschinen waren und ob diese aus der EU kommen. Außerdem bleibt unerwähnt, dass die schiere Menge der versendeten Mails gezielt die Arbeit der EU-Parlamentarier zum Erliegen brachten.

Spamming geht weiter
Am Montag, den 27.08.2018 begann C4C erneut Massenmails an die EU Abgeordneten zu schicken.

Abbildung: Die spanische EU Parlamentarierin Beatriz Becerra (Fraktion ALDE) auf Twitter.

Die EU-Abgeordneten dürfen sich aber auf noch mehr Spam freuen, denn EDRi bläst zur Action Week. Und auch dort wird wieder zu saveyourinternet.eu gelinkt, die ja bereits Anfang Juli für das Fluten der Postfächer sowie diverse Twitter-Stürme sorgten. EDRi ist übrigens Mitglied bei C4C.

Abbildung: Aus dem aktuellen Newsletter von EDRi.

Mit dem New/Mode Tool von saveyourcopyright lassen sich ganz bequem gleich mehrere Abgeordnete mit einem Klick mit vorgefertigten Texten zuspammen.

Abbildung aus dem saveyourinternet.eu Tool, keine Verifizierung, das Formular lässt sich beliebig oft abschicken. Der vorgefertigte Text wurde geändert.

Es geht aber noch besser. Selbst nicht existente Mailanschriften funktionieren. Die Seite von saveyourinternet.eu wird mit einer US(!) IP aufgerufen = 77.111.246.15.

Abbildung: Screenshot aus dem Opera Browser mit VPN Verbindung.

Eine Fake-E-Mailanschrift wird benutzt.

Abbildung: Screenshot aus dem saveyourinternet.eu tool. Die Mailanschrift ist erdacht.

Aber auch mit Fake-E-Mail-Adresse werden die Mails ausgeliefert.

Abbildung: Trotz US IP und nicht existenter Mailanschrift ist die Aktion erfolgreich gewesen.

 

Create.Refresh verbreitet weiter Desinformation über bezahlte Videos auf Twitter
Bereits in einem vorherigen Artikel wurde kurz auf die Rolle von Create.Refresh hingewiesen. Create.Refresh wird von der Firma Purpose.com betrieben, die  Lobbying u.a. für Google betreibt. Die Create.Refresh Kampagne wird von der CCIA, Kennisland, C4C und CDT finanziert.
Interessant ist, dass lediglich Kennisland und C4C aus der EU kommen.  C4C wird nach eigenen Angaben in erster Linie über CCIA und die Open Society Foundation finanziert wird, die beide ihren Hauptsitz in den USA haben.

Create.Refresh fokussiert sich im Moment wieder auf ein altbekanntes Thema und warnt vor einem angeblich drohenden Meme-Verbot.

Abbildung: bezahlte Twitter Werbung von Create.Refresh, retweeted von Julia Reda.
Abbildung: Die mobile Version der Create.Refresh Werbung auf Twitter.

 

OpenMedia & New/Mode: Spams auch bei Urheberrechtsdebatte in Kanada
Ein besonderes Déjà-vu konnte man im Zuge der neuesten Kampagne von OpenMedia bzw. deren Tochterunternehmen New/Mode bei der Urheberrechtsdebatte in Kanada erleben.

New/Mode bietet genau jene Tools an, mit deren Hilfe u. a. auch die EU-Abgeordneten in der Woche vor der Abstimmung über die EU Urheberrechtsdirektive mit Mail- und Tweet-Lawinen überrollt wurden und die auch wieder aktuell eine zentrale Rolle spielen.

Der US-Songwriter und Blogger David Lowery hat die Tools von New/Mode in den Canadian Copyright Consultations genutzt und davon ein Video erstellt. Es gelang ihm problemlos, mit einer amerikanischen IP-Adresse diverse Mails mit vorgefertigten Inhalten mittels eines einfachen Browser Back Button zigfach abzusenden, obwohl es um eine Konsultation in Kanada ging.

Dieses einfache Experiment zeigt, dass quasi jedermann in jedem Land dieser Welt per Mausklick politisch Einfluss nehmen kann, wenn die Tools von New/Mode genutzt werden.
Allerdings zeigt es auch, dass ein einfaches Script – und somit nicht einmal ein Mensch – solche Massen-E-mails absenden kann.

Es deckt sich zudem mit den Fakten zu der Besucherzahl der Saveyourinternet.eu Seite, bei denen die USA die viertgrößte Gruppe stellten, obwohl das Thema ausschließlich die EU-Mitgliedstaaten betrifft.
Offenbar gibt es weder Verifizierungen der Herkunft des Absenders, noch wird geprüft, ob es sich beim Absender um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Daher sind der Manipulation alle Tore geöffnet.

#Iamnotabot #butfromWashingtonDC
Eine interessante Analyse der Content Creators Coalition aus den USA hat untersucht, von wo die Tweets mit dem Hashtag #savetheinternet im Zeitraum 1. Juni.-1. August eigentlich stammten.
Das Ergebnis ist verblüffend. Allein aus der Hauptstadt der USA Washington kamen mehr Tweets (88.000) als aus der ganzen EU (71.000). Es bleiben nicht viele Möglichkeiten, das sinnvoll zu erklären. Entweder sitzen in Washington nun besonders viele EU-Bürger, die das Internet retten wollen oder es handelt sich um den Sitz einer Botfarm. Die Frage liegt also auf der Hand: Wer übt hier eigentlich gerade Einfluss auf wen aus?

Abbildung: Tweet Analyse #savetheinternet mittels Talkwalker. Sämtliche Tweets – pro und contra.


Zahlen, Schweigen, Kommentare und unerfüllte Prophezeiungen
Eine weitere Frage drängt sich auf: Warum gibt es so gut wie keine Berichterstattung über die Demonstrationen vom 25. und 26. August  2018? Ist den Organisatoren die tatsächliche Zahl der Teilnehmer derartig peinlich, dass sie nicht einmal auf ihren eigenen Seiten darüber berichten möchten?

Immerhin berichtete Heise und schätzte 200 Teilnehmer bei der Berliner Veranstaltung. Die genaue Zahl ist in der Tat sehr schwer zu ermitteln, ist der Pariser Platz am Wochenende doch immer gut mit Touristen gefüllt. Zudem gab es noch einen Tag der offenen Tür diverser Einrichtungen der Bundesregierung. Wer also war Demonstrant, Tourist, auf dem Weg zu Starbucks oder wollte Regierungsgebäude besichtigen?

Wie auch immer – 200 geschätzte Teilnehmer sind erstaunlich wenig. Und das, obwohl das deutsche Zentralorgan der „selbsternannten Erstbewohner der digitalen Sphäre“ (© der Spiegel), Netzpolitik.org, die Demo doch immerhin angekündigt hatte. Tatsächlich wurden dort auch Kommentare zum miserablen Ergebnis der Demos freigeschaltet.

Abbildung: Screenshot von Netzpolitik.org, Kommentar des Nutzers ha ha Ha ho ho.

Lassen wir Julia Reda noch einmal zu Wort kommen. Sie sagte vor den Demonstrationen:
„Sie [die Befürworter] behaupten, der massive Widerstand aus der Bevölkerung war fake….Diese Behauptung werden Menschen in ganz Europa widerlegen: Sie gehen am 26. August auf die Straße. Sie werden den Widerstand gegen Uploadfilter und Leistungsschutzrecht, dem sich online schon 1 Million Menschen angeschlossen haben, auch offline unübersehbar machen.“

In ganz Europa waren es hochgerechnet nur 800 Teilnehmer in 27 Städten, 0,08 Prozent der Unterzeichner der entsprechenden Online Petition und wenn etwas widerlegt werden sollte, dann scheint das gründlich missglückt zu sein. Im Gegenteil: Die extrem geringe Teilnehmerzahl stützt vielmehr die These, dass Teile der Propaganda über technische Hilfsmittel generiert wurden. 800 Teilnehmer als massiven Widerstand aus der Bevölkerung zu bezeichnen ist jedenfalls schon sehr mutig – oder weltfremd, je nach Sichtweise.


Fazit
Je näher der Termin der Abstimmung kommt, desto mehr offenbaren sich weitere Einzelheiten des Hacks des EU-Parlaments. Keiner der bisher aufgezeigten Zusammenhänge und Vorwürfe konnte entkräftet werden.
Daher gilt es nun umso mehr die EU-Parlamentarier und die Öffentlichkeit über die Hintergründe aufzuklären, damit sie wissen, wer sie da vor zwei Monaten mit Mails, Tweets und Anrufen eingedeckt hat und wie groß die Zahl derer wirklich ist, die die Direktive ablehnen.
Eine breite Graswurzelbewegung ist es jedenfalls nicht.

Allerdings sollten die Abgeordneten sowieso viel mehr darüber nachdenken, worum es bei der Abstimmung wirklich geht, nämlich um europäische Werte und europäische Kultur. Diese werden nur dadurch gestützt, dass Urheber überall angemessen bezahlt werden. US-amerikanische Plattformen und Netzgiganten dürfen keine Ausnahme bilden, auch wenn diese über die Mittel und Möglichkeiten verfügen, Proteststürme wie im Fall der EU-Urheberrechts-Direktive zu simulieren und damit versuchen, massiv auf die Meinungsbildung politischer Entscheidungsträger Einfluss zu nehmen.

Volker Rieck
Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters FDS File Defense Service, welcher für zahlreiche Rechteinhaber tätig ist. Das Unternehmen erstellt zudem Studien zum Thema Piraterie und unterstützt Strafverfolgungsunternehmen mittels seiner erhobenen Daten.
Volker Rieck bloggt regelmäßig auf Webschauder und unregelmäßig auf dem US Blog The Trichordist zu verschiedenen Aspekten der unregulierten Inhalte-Distribution. Seine Artikel erscheinen auch bei Tarnkappe.info.