Stellungnahme zur Veröffentlichung vom 28.02.2019

Am 28.02.2019 wurde auf diesem Blog ein Artikel mit der Überschrift „Wer twittert zur EU Urheberrechtlinie“ (englisch „Who tweets on the EU Copyright Directive“) veröffentlicht.

Der Artikel betrachtete die regionale Herkunft, sogenannte Geoloca, von Tweets mit Erwähnungen bestimmter Hashtags.
Als Datenbasis dienten dabei Zahlen des professionellen Dienstes Talkwalker. Der Extrakt der Zahlen aus Talkwalker geschah nach bestem Wissen und Gewissen. Es wurden ausführliche Tests mit sehr unterschiedlichen Hashtags durchgeführt (auch von solchen, die nicht in dem Artikel besprochen wurden) und die Zahlen aus Talkwalker erschienen durchaus plausibel.

Es folgte auf Basis der Talkwalker-Daten eine Darstellung nach Hashtags und Ländern in Bezug auf Europa und die USA und innerhalb der USA nach ausgewählten Staaten. Dabei fiel auf, dass zu den untersuchten Hashtags laut der Talkwalker-Daten eine ungewöhnlich hohe Twitter-Aktivität in den USA und dort in Washington, D.C. festzustellen war.

In dem Artikel wurde dargestellt, dass es dafür keine logische Erklärung gibt und die These aufgestellt, dass offenbar aus den USA massiv Einfluss genommen wird auf die Diskussion zur EU-Copyrightreform bei Twitter.

Am 01.03.2019 bat uns die Online-Seite Übermedien um eine Stellungnahme zu der Aussage eines Datenanalysten, die Zahlen von Talkwalker seien hinsichtlich der Geoloca nicht korrekt.
Nachdem einige der Argumente des Analysten nachvollziehbar schienen, haben wir beim Unternehmen Talkwalker nachgefragt, wie die Zahlen der Geoloca genau zustande kommen und wie verlässlich diese sind. Anschließend haben wir den Artikel in beiden Sprachen offline genommen, um noch einmal detailliert den Sachverhalt prüfen zu können.

Unsere Anfrage an Talkwalker wurde bislang nicht beantwortet.
Allerdings antwortete Talkwalker an Übermedien, die offenbar Ihrerseits eine Anfrage an Talkwalker gestellt hatten und die Antwort am 04.03.2019 nachmittags veröffentlichten.

Aus dieser geht hervor, dass Talkwalker bei der Analyse Tweets nur dann eindeutig geographisch verortet, wenn der Absender der Twitter-App erlaubt hat, seinen Aufenthaltsort zu identifizieren. Andernfalls müssten andere Wege der Herkunftsidentifizierung genutzt werden, was oft zu Fehlerkennungen führe. In den meisten dieser Fälle würde von der genutzten Sprache auf die Herkunft von Tweets rückgeschlossen. Dies führe dazu, dass Tweets in englischer Sprache, aber ohne eindeutige Herkunft, in Amerika und dort in der Hauptstadt Washington verortet würden.

Das Unternehmen machte allerdings keine Angaben darüber, wie hoch der Anteil der Tweets ist, deren Herkunft nicht eindeutig identifizierbar ist. Je höher der Anteil dieser Tweets ist, desto weniger klare Schlüsse lassen sich aus den Daten ziehen.

Solange das nicht geklärt ist, müssen wir davon ausgehen, dass die Zahlen nicht so aussagekräftig sind wie von uns angenommen. Insbesondere Aussagen zur Verbreitung von Mentions in bestimmten Ländern können auf dieser Basis nicht verlässlich getroffen werden.
Der Teil des Artikels, der sich mit der Herkunft der Mentions beschäftigte, hat daher keine Veröffentlichungsgrundlage mehr.

Auf der Website von Talkwalker konnten wir trotz Recherche vorab keine Informationen über die Methodik der geographischen Verortung oder Hinweise zu möglichen Ungenauigkeiten der gelieferten Daten finden.
Wir bedauern dennoch außerordentlich, dass uns die unsichere Datenlage trotz zahlreicher Checks nicht eher auffiel.

Der Teil des Artikels, der die Entwicklung der Anzahl der Mentions pro Monat darstellt, erscheint auf Basis der Daten allerdings nach wie vor plausibel, weil von den Geoloca unabhängig. Diese wurden zwischenzeitlich auch noch mit Zahlen eines alternativen Dienstes abgeglichen.
Die Abweichungen zwischen beiden Diensten waren minimal. Zu diesen Zahlen sowie zur Bedeutung von Influencern wird es in Kürze ggf. einen neuen Artikel geben.

Volker Rieck / Jörg Weinrich

Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters File Defense Service (FDS), welcher für zahlreiche Rechteinhaber tätig ist. Das Unternehmen erstellt zudem Studien zum Thema Piraterie und unterstützt Strafverfolgungsbehörden mittels seiner erhobenen Daten. Seine Artikel erscheinen gelegentlich bei der FAZ, Tarnkappe.info, Webschauder und sporadisch auf den US-amerikanischen Blogs The Trichordist und Musictecploicy. Dabei geht es stets um die verschiedenen Aspekte der unregulierten Inhalte-Distribution.

Jörg Weinrich ist geschäftsführender Vorstand des Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V..(IVD)