Schlechte Zeiten für Maskenverkäufer

Januar 2019: Nun ist ein Kollektiv mit dem Namen Anonymous auf den Protestzug gegen die EU Richtlinie zum Urheberrecht aufgesprungen. Markenzeichen dieser Bewegung ist die Guy Fawkes Maske, bekannt aus dem Film „V wie Vendetta“.
Sie erinnert an den englischen Offizier Guy Fawkes, der im Jahre 1605 das englische Parlament in die Luft sprengen wollte und scheiterte.

Screenshot der StopACTA2.org Webseite

Der 19. Januar 2019 sollte der neue Day of Action werden, mit mehreren Demonstrationen in Europa. Acht Demonstrationen sollten in Polen stattfinden, 15 in diversen Ländern der EU, davon 2 in Deutschland und eine in Oslo, Norwegen, ein Nicht-EU Land.

Screenshot der StopACTA2.org Webseite

Bereits im August 2018 hatten rund 30 solcher Veranstaltungen gerade einmal 800 Teilnehmer angelockt. Und das bei einem breiten Bündnis, das dafür geworben hatte: Von der FDP über Grüne bis zur Piraten Partei wurde zum Protest aufgerufen.

Es spricht vieles dafür, dass die anonymen Organisatoren dieser neuen Demonstrationen aus Polen kommen. Dort wurden die Proteste aus dem Sommer 2018 bereits unter dem Label StopActa2 beworben; auch diesen Januar meldeten die Urheberrechtskritiker in Polen die meisten Demonstrationen an.
Wie bereits vor sieben Jahren, als die EU Proteste gegen das seinerzeit verhandelte Handelsabkommen ACTA ihren Anfang in Polen nahmen. Warum also nicht noch einmal auf das gleiche Pferd setzen?

Das gleiche Pferd lahmt, ACTA, Massenüberwachung und Versklavung
Das Spektrum der Proteste bei Stopacta2 ist breit gefächert und dabei äußerst wirr. Es reicht vom Protest gegen Massenüberwachung, Korruption, Globalisierung, bis hin zur Erhebung gegen Versklavung!
Erstaunlicherweise würden ausgerechnet die beiden führenden Unternehmen der Massenüberwachung, nämlich Facebook und Google, von einem Scheitern der Richtlinie profitieren gegen die jetzt protestiert wird. Und dass die Sklaverei in Europa bereits im 19. Jahrhundert abgeschafft wurde sei nur am Rande erwähnt.

Twitter Account von StopACTA2 Europa

Irgendwie wollte die Bezeichnung „StopACTA2“ bereits im Sommer 2018 nicht so richtig zünden. Die Teilnahme an den Demonstrationen in Polen war im Vergleich zu den Protesten 2012 ausgesprochen bescheiden. Die Demonstrierenden fügten sich meist als zufällige Passanten ins öffentliche Bild ein. In einigen Städten waren mehr begleitende Polizisten als Teilnehmer unterwegs. Vom reichlich bemühten, kollektiven Anti-ACTA Geist aus 2012 war nichts zu spüren – Zeiten ändern sich, Meinungen ebenso…

Möglicherweise war es den potentiellen Sympathisanten zu schwer über die Brücke vom Protest gegen ein Handelsabkommen (ACTA) zu einer Richtlinie der EU, die mit ACTA gar nichts zu tun hat, zu gehen.

Viel Wind im Netz, ein laues Lüftchen im richtigen Leben
Die Teilnehmerzahlen bei den neuerlichen Protesten im Januar 2019 stehen erneut im krassen Widerspruch einer vorgeblich kraftvollen Graswurzelbewegung.
Möglicherweise war das den Anmeldern der Veranstaltung in Frankfurt  im November 2018 klar, als den dortigen Behörden eine Teilnehmerzahl von 50 in Aussicht in Aussicht gestellt wurde. Optimismus sieht anders aus. Warum die anmeldende Organisation „Savetheinternet.info“ die Frankfurter Demonstration auf der eigenen Webseite konsequent verschwiegen hat, bleibt rätselhaft.

In Berlin fiel eine Menschenmenge von 15 Personen auf dem ansonsten immer sehr belebten Alexanderplatz in Berlin kaum auf. Also zog das Häuflein noch zum Potsdamer Platz, allerdings ohne auch dort bemerkt zu werden.

Die Teilnehmerzahlen im Überblick

Αθήνα/Atena 10
Berlin 15
Bielsko-Biała 22
Brussel/Bruxelles 0
București 25
Budapest 0
Frankfurt 30
Gdansk 20
Göteborg 23
Helsinki 15
Katowice 20
København 10
Kraków 30
Lisboa 22
Łódź 0
London 0
Milano 1
Oslo 6
Paris 0
Piekary Śląskie 10
Poznań 105
Warszawa 40
Wrocław 10
Quelle: Eigene Zählung, Facebookangaben der Organisatoren, Youtube und polnisches Radio und TV

 

Millionen Klicks – aber kaum jemand auf der Straße
Die Ergebnisse von gerade einmal 450 Teilnehmern bei 23 Events sind für die Organisatoren katastrophal und blamabel. Anders als im vergangenen Sommer hielt sich aber auch die Zahl von aufrufenden Parteien oder Organisationen in Grenzen; nur die polnische Piratenpartei wird als namhafter Unterstützer der Organisatoren erwähnt. Wer möchte schon gern mit einer Veranstaltung in Verbindung gebracht werden, die mit sehr überschaubaren Teilnehmerzahlen durchschnittlich nur 20 Teilnehmern pro Protest aufwartet oder gar mit wirren Positionen wie die vom Anonymous Kollektiv, bei dem nicht einmal klar ist, wer das überhaupt ist?

Die bescheidenen Zahlen aus dem Sommer passten bereits seinerzeit nicht zur angeblich großen Graswurzelbewegung, die man so gern suggerieren möchte. Das angekündigte unübersehbare und unüberhörbare Zeichen waren die August-Demos in Europa eindeutig nicht. Die neuerlichen Proteste sind es belegbar allerdings erst recht nicht.

Nicht einmal die Hilfe von YouTube scheint gefruchtet zu haben. Dort waren im November 2018 etliche YouTuber dem Ruf der Youtube Chefin Susan Wojcicki gefolgt und hatten das Ende der Plattform in 2019 in zahlreichen größtenteils hanebüchenen Videos heraufbeschworen. Teilweise mit bizarren Begleitumständen wie dem Ankündigen des eigenen Selbstmords, sollte das Videoportal in 2019 tatsächlich schließen.

YouTube tat das Seinige dazu und jazzte die entsprechenden Videos in seinen Trends hoch.
Aber genutzt hat es nicht. Empörte YouTube-Nutzer machen es sich lieber daheim vorm Smartphone bequem, klicken Daumen hoch oder runter und überlassen das Demonstrieren den… Ja wem eigentlich?
Wer sich dieser Tage immer ein gutes Geschäft mit Guy Fawkes Masken im Zuge des Action Tages versprochen hatte, dürfte enttäuscht worden sein. Ganz abgesehen davon, dass das Copyright für die Masken bei Warner Bros. liegt. Also bei einem Unternehmen, welches von Urheberrechts-Kritikern gern in die so genannte Content Mafia Ecke gesteckt wird.

Einmal mehr nutzt die Anti-Bewegung denjenigen, die man eigentlich doch bekämpfen will.

Volker Rieck
Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters FDS File Defense Service, welcher für zahlreiche Rechteinhaber tätig ist. Das Unternehmen erstellt zudem Studien zum Thema Piraterie und unterstützt Strafverfolgungsunternehmen mittels seiner erhobenen Daten.
Volker Rieck bloggt regelmäßig auf Webschauder und unregelmäßig auf dem US Blog The Trichordist zu verschiedenen Aspekten der unregulierten Inhalte-Distribution. Seine Artikel erscheinen bei auch bei Tarnkappe.info und in der FAZ.