Kunstrasen statt Graswurzel: Wenn Clicktivismus auf harte Realität trifft

Am vergangenen Wochenende riefen mehrere Organisationen zu einem „Day of Action“ mit Demonstrationen in ganz Europa gegen die geplante Urheberrechts-Richtlinie der EU auf.
Zu den Unterstützern der Veranstaltungen gehörten u. a. die
Piraten Partei, die Linken, Die Grünen sowie der Netzverein Load e.V. (FDP).

Die Webseite saveyourinternet.today hatte eine Übersichtskarte aller 27 Demonstrationen erstellt.
Obwohl auch diese Seite, wie schon zahlreiche andere Seiten der Kampagne, kein Impressum, geschweige denn eine Datenschutzerklärung aufweist, wurde sie fleißig verlinkt u. a. von Change.org. Offenes Visier sieht anders aus. Sorgfalt auch.

Abbildung: Saveyourinternet.today mit Aufrufen und Links zu den Demonstrationen.
Betreiber der Seite unbekannt, Datenschutzhinweis fehlt. Die WhoIs Angaben führen zu WhoIs Guard in Panama.

 

Der „Day of Action“ in Deutschland
Den Auftakt bildete Mainz am Samstag, den 25.08.2018. Dort traten durchaus prominente Bundestagsmitglieder wie Tabea Rösner (Die Grünen) oder auch Manuel Höferlin (FDP) auf. Dennoch sprachen sie nur vor ca. 30 Teilnehmern. Gemessen an dem, was am Sonntag noch folgen sollte, hatte Mainz analog seiner Einwohnerzahl sogar noch ein passables aber dennoch insgesamt mickeriges Ergebnis.

Am Sonntag folgten dann weitere Städte, u. a. Hamburg. Vor etwa 40 Demonstranten sprach dort auch Patrick Breyer, der ehemalige Abgeordnete der Piraten Partei im Kieler Landtag.
Breyer betonte, dass bereits 1 Million Unterstützer für eine Petition gegen die Richtlinie bei Change.org eingesammelt worden seien. Er wehrte sich auch gegen Vorwürfe, dass die Petition durch Bots unterstützt worden sei, was angesichts von 40 Teilnehmern etwas eigenartig wirkte.

Abbildung: Abschlussfoto der Kundgebung in Hamburg, ca. 40 Teilnehmer

Piraten sind offenbar zur Selbstreflektion fähig. Demonstrationsteilnehmer Malte Huebner machte an dem Tag recht schnell seinem Unmut auf Twitter Luft.

Es kam aber noch schlimmer für den jungen Piraten, als die ersten Passanten vorbeikamen.

Die Hauptveranstaltung fand in Berlin auf dem Pariser Platz statt. Nach verschiedenen Schätzungen dürfte es die größte Veranstaltung der Kampagne mit etwa 100 Teilnehmern gewesen sein, obwohl mit der EU-Parlamentarierin Julia Reda das vermeintliche Zugpferd aufgetreten ist.
Für die zentrale Veranstaltung einer Kampagne ist das eine erstaunlich kleine Zahl, zumal an der ersten Demonstration im Juni immerhin ca. 150 Menschen teilgenommen hatten.
Reda hatte im Vorwege erklärt, dass man mit einer breiten Unterstützung die Vorwürfe, dass große Teile der Kampagne unmöglich ausschließlich über aktive Menschen getragen wurden, entkräften wollte.
Die Zahlen der Teilnehmer bestätigen das nicht – im Gegenteil. Unübersehbar waren die Demonstrationen in keinem Fall. Die großen Medien nahmen in Deutschland keinerlei Notiz von ihnen.

Abbildung: Der „Day of Action“ auf dem Pariser Platz in Berlin, ca. 100 Teilnehmer.

Auch in anderen deutschen Städten sah es nach einer ähnlich mäßigen Beteiligung aus. Die Millionenstadt München zog nur etwa 30 Protestler an.

Abbildung: Der „Day of Action“ auf dem Marienplatz in München, ca. 30 Teilnehmer.

Eine Hochrechnung auf Basis von 15 der insgesamt 27 Veranstaltungen in ganz Europa, zu denen insgesamt ca. 400 Teilnehmer kamen, lässt den Schluss zu, dass die europaweite Teilnehmerzahl bei maximal 800 liegen dürfte, denn es gab auch Orte mit No-Shows. Selbst in der Heimat der Piraten Partei in Schweden, genauer in Stockholm, fanden sich lediglich 15 Teilnehmer ein.

Abbildung: Der Protest in einem Park in Stockholm. (Nein, das ist nicht die Yogagruppe, die sich dort sonst trifft.)


Noch ist Polen nicht verloren
Noch krasser waren die Teilnehmerzahlen in Polen. Im Vorwege hatten sich zahlreiche Facebooknutzer auf den entsprechenden Seiten der Demos in verschiedenen polnischen Städten angemeldet.
Während bei den ACTA Protesten 2012 tatsächlich noch mehr als 10.000 Menschen auf die Straßen gingen, waren es diesmal in allen polnischen Städten gerade mal 100. Obwohl die Veranstalter die Demonstrationen als StopActa2 betitelt haben.
In Lodz gab es mehr Polizisten als Demonstranten. Ganze 6 (sechs) Teilnehmer fanden sich ein.
Und wer weiß wie viele es in Krakau gewesen geworden wären (35 Teilnehmer) wenn der Bürgermeisterkandidat Konrad Berkowicz die Demo nicht in eigener Sache genutzt hätte und seine Unterstützer die Zahl der Teilnehmer erhöht hätten.

Der Hashtag der Kampagne sollte daher vielleicht besser #1of8hundred lauten und nicht #1of1million. Er käme der Realität näher.

Die Schätzungen der Teilnehmerzahlen im Detail:

Berlin 100
Hamburg 44
Vienna 38
Cracow 35
Karlsruhe 32
Stuttgart 30
Warsaw 30
Munic 30
Katowice 25
Helsinki 18
Stockholm 18
Prag 16
Amsterdam 15
Paris 15
Lodz 6
Total 452
Average 30


Viel Getöse von wenigen Aktivisten
Es gibt also offenbar eine große numerische Diskrepanz zwischen dem digitalen Protest und der der Zahl der tatsächlichen Gegner der geplanten Urheberrechtrecht-Richtlinie der EU.
Die Kampagne reklamiert für sich eine Million Unterzeichner bei Change.org zu haben, dennoch raffen sich gerade einmal 0,08% der Unterzeichner auf, um zu einer Demonstration zu gehen.

Natürlich sind Klick und Demo zwei verschiedene Arten der Meinungsäußerung und ein Klick ist in Sekunden erledigt, während eine Demonstration beschwerlich sein kann.
Es stellt sich aber dennoch die Frage, wie ein so kleiner Kern von sichtbaren Gegnern der EU Direktive in ganz Europa einen derartig großen digitalen Lärm bei den EU- Abgeordneten im Juli erzeugen konnte. Und wie konnte dieser Lärm, den so wenige erzeugt haben, allen Ernstes Abgeordnete beeindrucken?
Eine zentrale Rolle spielen dabei die technischen Hilfsmittel, die die Initiatoren der Webseite saveyourinternet.eu über Partnerseiten  zur Verfügung gestellt haben.

Sie haben ganz sicher eine erheblich verstärkende Wirkung und letztlich dafür gesorgt, dass die Postfächer der EU- Parlamentarier in der Woche vor der Abstimmung Anfang Juli mit Mails überfüllt und ihre Twitter -Accounts geflutet wurden.

Das magere Resultat des „Day of Action“ dürfte den EU-Parlamentariern nicht verborgen geblieben sein. Spätestens, wenn die gleichen Tools vor der nächsten Abstimmung am 12.09.2018 erneut eingesetzt werden, wird sich hoffentlich jeder Abgeordnete seine Entscheidung reiflich überlegen.
Denn die Demonstrationen am vergangenen Wochenende haben eindrucksvoll belegt, dass es sich bei der Kampagne nicht um eine Graswurzelbewegung handelt, sondern nur Kunstrasen ausgerollt wurde.

Volker Rieck
Volker Rieck ist Geschäftsführer des Content Protection Dienstleisters FDS File Defense Service, welcher für zahlreiche Rechteinhaber tätig ist. Das Unternehmen erstellt zudem Studien zum Thema Piraterie und unterstützt Strafverfolgungsunternehmen mittels seiner erhobenen Daten.
Volker Rieck bloggt regelmäßig auf Webschauder und unregelmäßig auf dem US Blog The Trichordist zu verschiedenen Aspekten der unregulierten Inhalte-Distribution. Seine Artikel erscheinen auch bei Tarnkappe.info.