Hat Filesharing Auswirkungen – und wenn ja, worauf?

Eine Studie des amerikanischen Professors Koleman Strumpf will herausgefunden haben, dass File-Sharing nur einen geringen Einfluss auf die Kinoumsätze hat.

Die Datenbasis bestand aus:

  • Daten zu 1057 Filme aus den Jahren 2003 bis 2009 (also teilweise aus den Anfangsjahren der Filminternetpiraterie).
  •  Veröffentlichungsdaten dieser Filme in einer großen Tauschbörse.
  • Werte dieser Filme an einer Spielebörse, nämlich dem Hollywood Stock Exchange (HSX).

Untersucht wurde, welchen Einfluss die jeweiligen Piraterieveröffentlichungen auf den Wert an der HSX hatten. Begründet wurde dieser Schritt damit, dass diese „Börse“ gute Vorhersagen bezüglich der realen Filmumsätze trifft. Als Beleg wird eine Studie aus dem Jahr 2000 erwähnt, die somit zu einem Zeitraum erstellt wurde, als der Filmmarkt noch keine Probleme mit Internetpiraterie hatte. Die HSX reagiert schnell auf Castingangaben und Trailer-Veröffentlichungen, so dass Prof. Strumpf davon ausgeht, dass die Analysten externe Faktoren auch schnell aufnehmen. Laut dieser Studie steigen bei Veröffentlichungen in P2P-Netzwerken auch die Handelsvolumen – was mit den Preisen passiert, bleibt allerdings unklar.

Auf dieser Basis erstellt Prof. Strumpf dann ein Modell, welches die Auswirkungen auf die Umsätze errechnen soll. Um welche Umsätze es geht, stellt sich dabei erst im Text heraus. Die untersuchten Umsätze sind laut der Überschrift „Movie Revenues“. Im Abstract werden daraus „box office revenues“ und im Text dann nur noch „initial run box office“. Es geht als nur um die Umsätze der ersten Wochen im Kino.

Ob dieser “Marketingtrick” noch angemessen für eine wissenschaftliche Studie ist, mag dahingestellt sein, denn Prof. Strumpf scheitert an einer anderen Stelle:
Basis seines Modells ist die Idee, dass Märkte auf die Veröffentlichungen der Raubkopien reagieren und dass man aus diesen Reaktionen (negativ oder positiv) auf die Umsatzfolgen schließen kann.
Gleichzeitig legt er aber dar, dass alle untersuchten Filme als Raubkopie erschienen sind. In seinem Modell kommt somit das wahrscheinlichste Marktverhalten, nämlich dass die Händler für alle Filme von vornerein Piraterieschäden in den “Börsenpreisen” einkalkulieren, nicht vor.

Im Endeffekt ist die Studie nicht mehr als ein Hinweis darauf, dass die Händler dem Zeitpunkt der Erstveröffentlichung einer Raubkopie keine große Bedeutung zumessen.
Exemplarisch für die Voreingenommenheit des Autors ist das von ihm hervorgehobene Beispiel des Films “Wolverine”. Bei diesem Film sanken die Preise nach der illegalen Veröffentlichung nur gering und stiegen später. Da der Film einen Umsatz von 373 Mio. US$ erreichte, zeigt die Fallstudie für Prof. Strumpf, dass es wenig Beweise gibt, dass eine frühe Veröffentlichung einen bedeutenden negativen Effekt auf die Umsätze hatte.

“Figure 5 shows the evolution of HSX price for Wolverine’s stock. There was little change in the stock price when the movie became available for illicit download, and a week later price began to rise continuously until the theatrical release date (trading volume, listed on the bottom of the figure, spiked on the day of the leak).10 The movie also appears to have been relatively successful with a worldwide box office of $373m and 40-50m tickets sold. There is little evidence from this case study that an early release on file sharing networks has a significant negative effect on movie revenues.“

Koleman Strumpf, 2014
Koleman Strumpf, 2014

Bei der Abbildung 5 fällt auf, dass der Wissenschaftler für seine Analyse nur einen Teil der Preisentwicklung berücksichtigt. Die Erklärung für den massiven Einbruch der Preise vor der illegalen Veröffentlichung, findet sich in einer Fußnote. Auch hier mag man sich wundern. Wieso allerdings Prof. Strumpf aus diesen Fakten schließen kann, dass kein Schaden entsteht, bleibt völlig unerklärlich. Nur weil der Film relativ erfolgreich war, gab es keinen Schaden?

 

All diese gravierenden Mängel der Studie halten den Dienst netzpolitik.org nicht davon ab, daraus einen Freibrief für Filesharing zu abzuleiten: „Wer digitale Kopien kostenlos lädt, bezahlt nicht für Original-Releases” lautet ein gängiges Vorurteil von Filesharing-Gegnern. Der Wirtschafts-Professor Kolemann Strumpf hat diesen Mythos jetzt empirisch widerlegt“.

 

Koleman Strumpf, Using Markets to Measure the Impact of File Sharing on Movie Revenues; July 11, 2014

http://conference.nber.org/confer/2014/SI2014/PRIT/Strumpf.pdf

https://netzpolitik.org/2014/wissenschaftler-haben-herausgefunden-filesharing-hat-keine-auswirkungen-auf-kino-erloese/